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19. Juni 2026/87 min

KI-Agenten statt Software: Earlybirds AI-Investment-Thesis – Dr. Andre Retterath

Bleib auf Stand: das Founder Briefing, Di + Fr um 7 Uhr.

Über diese Episode

360 Millionen Euro neuer Fonds, fünf General Partner und ein Generationenwechsel nach fast 30 Jahren. Andre Retterath, General Partner bei Earlybird, erklärt, wie einer der bekanntesten Tech-VCs Europas den Übergang zur nächsten Generation gestaltet hat – und warum das größer ist als jeder einzelne Fonds.

Ein Fonds, fünf General Partner, ein Generationenwechsel

Generationenwechsel gelingen in europäischen VCs selten. Earlybird hat sich dem Problem proaktiv gestellt: Die neue Generation von General Partnern investiert bereits seit 8 bis 9 Jahren gemeinsam, bevor der eigentliche Übergang stattfand. Kein spontaner Bruch, sondern ein langer Vorlauf.

Zentral dabei ist eine Meritocracy-Struktur. Statt Abhängigkeit von einzelnen Personen aufzubauen, setzt Earlybird auf Prozesse, die unabhängig von einzelnen Köpfen funktionieren. Das hält die besten Investoren im Haus und macht die Firma widerstandsfähiger gegen den Verlust von Schlüsselpersonen. Andre bringt es auf den Punkt: Eine Investmentfirma über 17 Fonds-Generationen aufzubauen, ist ein größeres Achievement als ein einzelner erfolgreicher Fonds.

Warum False Negatives der teuerste Fehler im VC sind

Ein zentrales Thema der Folge: Investmentwissen institutionalisieren, statt es in einzelnen Köpfen zu belassen. Dabei geht es um die Unterscheidung zwischen False Positives (man investiert und es geht schief) und False Negatives (man investiert nicht – und verpasst den nächsten großen Case).

Andre erklärt, warum False Negatives der teuerste Fehler im VC-Geschäft sind. Das Lovable-Beispiel zeigt, wann strukturelle Regeln im Weg stehen können, statt zu helfen – und warum starre Prozesse manchmal genau die Deals verhindern, die man eigentlich machen wollte.

Kognitive Biases im Investment-Komitee

Um Biases im Entscheidungsprozess zu reduzieren, setzt Earlybird auf konkrete Mechanismen:

  • Anonyme Post-IC-Umfragen, um ehrliches Feedback ohne sozialen Druck zu bekommen
  • Die Regel „die jüngste Person spricht zuerst“, damit Hierarchie die Meinungsbildung nicht vorwegnimmt
  • Systematische Auswertung subjektiver Signale wie Universität, Arbeitgeber und Gründerhistorie – nicht als Bauchgefühl, sondern als strukturierter Datenpunkt

Auch Dataset Bias ist ein Thema – illustriert am Beispiel der UiPath-Story aus Rumänien, die zeigt, wie geografische und kulturelle Blindspots gute Investments übersehen lassen können.

Der Drei-Ebenen-Stack: Wie Earlybird im KI-Zeitalter investiert

Earlybird strukturiert seine Investments im KI-Zeitalter in drei Ebenen, mit jeweils unterschiedlichen Moats:

  1. Deep Tech/Hardware – etwa Isar Aerospace
  2. Software-Infrastruktur/Frontier Models – etwa Aleph Alpha und Black Forest Labs
  3. Applikationen – die Ebene, auf der sich durch KI gerade am meisten verändert

Aleph Alpha wird von Andre explizit als erfolgreiches Investment eingeordnet – trotz aller öffentlichen Diskussionen rund um europäische Frontier-Model-Anbieter.

Application Layer: Von 20 auf 200 ähnliche Startups

Auf der Applikations-Ebene senkt KI die Gründungsbarriere massiv. Wo Earlybird früher 20 ähnliche Startups in einem Segment gesehen hat, sind es heute 200. Vibe Coding und AI-Native Teams machen es leichter, schnell ein Produkt zu bauen – gleichzeitig wird Differenzierung schwieriger.

Das ideale Founding-Team kombiniert laut Andre einen AI-Native-Gründer mit einem Domain-Experten. Reine Tech-Exzellenz reicht nicht mehr aus, wenn hundert andere Teams dieselben Tools nutzen können.

Fundraising-Tipps für Gründer

Ein praktischer Rat für Gründer im Fundraising-Prozess: Zuerst Lead-Investoren finden. Erst wenn konkrete Angebote auf dem Tisch liegen, sollte man die Rundengröße hochverhandeln – nicht umgekehrt.

Andre betont außerdem, dass VC im Kern ein People Business bleibt. Die Investor-Founder-Beziehung ist entscheidend für den Erfolg einer Zusammenarbeit über Jahre hinweg, unabhängig davon, wie datengetrieben der Auswahlprozess vorher war.

Agency: Der wichtigste Skill der nächsten Jahre

Zum Abschluss wird es grundsätzlich: Generalisten vs. Spezialisten – und warum Agency der wichtigste Skill der nächsten Jahre wird. Gemeint ist die Fähigkeit, unabhängig Wege zu finden und KI-Agenten zu orchestrieren, statt auf Anweisungen zu warten.

Andres konkreter Rat: Aufhören, News zu konsumieren – und stattdessen einfach anfangen. Mit zwei oder drei Leuten KI-Tools nutzen, ausprobieren, iterieren. Weniger lesen über KI, mehr bauen mit KI.

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